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Archiv für November 2009

Verspätete Impfaktion — Zeltner sieht fehlende EU-Mitgliedschaft als Grund

Die Schweiz hat gegenüber ihren Nachbarstaaten bei der Impfaktion gegen die Schweinegrippe einen Rückstand von fast drei Wochen. Laut Aussage von Thomas Zeltner, dem Direktor des Bundesamts für Gesundheit, in einem Interview mit der Basler Zeitung liegt die Ursache dafür unter anderem im späten Zugang für Swissmedic zu den Daten der Europäischen Arzneimittelagentur. „Die Schweiz zahlt hier den Preis dafür, dass sie nicht in der EU ist“, sagte Zeltner gegenüber der Basler Zeitung und möchte für die Zukunft eine Vereinbarung mit der Europäischen Union erzielen, um einen schnelleren Zugriff auf die Daten zu ermöglichen.

Solothurn hat bereits am vergangenen Wochenende mit der Impfaktion begonnen. Nach Aussage von Thomas Zeltner habe nichts gegen diese vorgezogene Aktion gesprochen, auch wenn für manch einen dadurch der Eindruck eines Chaos entstanden ist. Der Kanton Thurgau begann gestern mit seiner Impfaktion. Seit heute Morgen sind — so Thomas Zeltner — alle Kantone im Besitz des Impfstoffes, sodass sie spätestens am 16. November mit ihrer Impfaktion beginnen könnten. Den Vorwurf einer mangelhaften Koordination zwischen Bund und Kantonen in der Schweiz wies der Direktor des Bundesamts für Gesundheit in der Basler Zeitung zurück.

Schweinegrippe greift in der Schweiz weiter um sich

Mehr als 6.000 Menschen sind nach Auskunft der Weltgesundheitsorganisation WHO mittlerweile weltweit an der Schweinegrippe gestorben. 4.400 dieser Todesfälle gab es in Nord- und Mittelamerika. In der Schweiz hat die Krankheit bisher noch keine katastrophalen Auswirkungen, aber auch hier ist sie weiter auf dem Vormarsch. So gab es nach Angaben der Basler Zeitung vom sechsten November 2009 im Verlauf von sieben Tagen insgesamt 128 bestätigte Schweinegrippe-Fälle allein im Kanton Genf. Die Grenze zur Epidemie wurde erstmals überschritten. 50 Prozent der Erkrankten sind unter 16 Jahre alt.

Der Schweizer Tages Anzeiger meldete derweil allein für den sechsten November 2009 insgesamt fünfzig neue Verdachtsfälle in der Stadt Zürich und berief sich dabei auf den Leiter des Schulgesundheitsdienstes der Stadt Zürich, Daniel Frey. Insgesamt wurde der H1N1-Virus in sieben Fällen nachgewiesen. Die Zahl der Tests wurde gering gehalten; man rechnet jedoch auch in der Mehrzahl der anderen Verdachtsfälle mit der Schweinegrippe. Frey glaubt an eine vorübergehend abflauende Ansteckungsrate am jetzigen Wochenende, da sich das Virus in dieser Zeit nicht innerhalb einer Klasse verbreiten kann. Mit einer dauerhaften Entspannung der Situation sei das nicht gleichzusetzen. Etwas entspannt hat sich scheinbar die Situation in Chur. Auf dem dortigen Waffenplatz sollen sich nun nur noch 27 Rekruten in der Krankenabteilung befinden. Für die gesunden Rekruten, deren Zahl bei knapp 300 liegen soll, gibt’s ab Samstag Urlaub.

Impfstoff-Freigabe und Impfen — kontroverse Diskussionen

Wissenschaftler wie der Immunologe Beda Stadler kritisieren die schweizerische Zulassungsstelle für Arzneimittel und werfen ihr bürokratisches Gehabe vor. Stadler ist nicht der einzige Kritiker an der Institution. Tatsächlich gab es etwa für den Wirkstoff Pandemrix in der EU bereits im Mai einen Antrag auf Zulassung, während dieser Antrag in der Schweiz erst im August lief. Nach Angaben der Swissmedic-Präsidentin Christine Beerli gegenüber der Basler Zeitung habe ihre Organisation jedoch einfach mehr zu prüfen gehabt. Die damalige Entwicklung der Krankheit in der Schweiz habe zudem eine Verkürzung des Verfahrens nicht notwendig gemacht. Kritiker wie Stadler lassen diese Einwände wohl eher nicht gelten. Sie äussern auch Unverständnis gegenüber der Tatsache, dass der neue Novartis-Impfstoff Celtura in Deutschland bereits zugelassen ist, nicht jedoch in der Schweiz. Celtura ist ein Impfstoff, der nicht auf der Basis von in Eiern gezüchteten Viren produziert wird und daher auch für Menschen mit Eiweiss-Allergie geeignet ist.

Derweil mehren sich in der Schweiz auch Stimmen, die sich komplett gegen die Impfaktion aussprechen. So verweist der Schweizerische Verein Homöopathischer Ärzte (SVHA) auf den bisherigen harmlosen Verlauf der Schweinegrippe und hält die Wirkungsverstärker in den zugelassenen Impfstoffen Focetria und Pandemrix für problematisch, da sie aus Sicht des Vereins zu heftigen Nebenwirkungen führen können. Zu den klassischen Impfverweigerern gehört laut Marc Müller, dem Präsidenten des Berufsverbandes der Haus- und Kinderärzte, das schweizerische Pflegepersonal. Müller nannte diese Gruppe in der Basler Zeitung „traditionell impfresistent“, obwohl Pfleger und Krankenschwestern eine Risikogruppe bilden.

Schweinegrippe in Churer Kaserne

Schwer getroffen hat die Schweinegrippe die Kaserne des Churer Waffenplatzes, in der insgesamt 75 von 324 Rekruten an Grippe erkrankt sein sollen. Bei insgesamt sechs getesteten Rekruten soll definitiv der H1N1-Erreger der Schweinegrippe festgestellt worden sein. Auch bei den übrigen Erkrankten wird die Schweinegrippe vermutet. Die an der Grippe erkranken Soldaten werden mittlerweile wohl in einem separaten Krankentrakt betreut. Wie das Bündner Tagblatt berichtete, sind seit gestern (04.11.2009) keine weiteren Ansteckungsfälle hinzugekommen.

Nachrichten.ch berichtete bereits am dritten November 2009 unter Berufung auf die schweizerische Nachrichtenagentur SDA von einer Ausgangssperre für die Soldaten der Kaserne. Den Rekruten sei es nicht mehr erlaubt, abends in die Stadt zu gehen. Unklar sei, so Nachrichten.ch weiter, ob die Ausgangssperre auch das Wochenende über andauern würde. Derweil berichtet der Südkurierer (05.11.2009), dass die Schweinegrippe Ende Oktober 2009 erstmals den „nationalen epidemischen Schwellenwert“ übertroffen habe. Dieser Wert wird bei durchschnittlich mindestens 48 Arztbesuchen pro 100.000 Einwohner wegen jeweils ein- und derselben Krankheit angesetzt. Nach Auskunft des Bündner Tagblatts gingen Ende Oktober 2009 insgesamt 64 Menschen pro 100.000 Einwohner der Schweiz wegen Schweinegrippe-Symptomen zum Arzt.

Impfbereitschaft in der Schweiz ist eher gering

Nur 15% aller Schweizer denken im Moment daran, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. Das berichtet die Zeitung „Südkurier“ in ihrer Ausgabe vom fünften November 2009 unter Berufung auf eine nicht näher bezeichnete Umfrage. Befürchtet wird jetzt ein Misserfolg der schweizerischen Impfaktion. Nach Daniel Koch, dem beim Bundesamt für Gesundheit für diese Impfaktion zuständigen Beamten, unterschätzen die Menschen die von der Schweinegrippe ausgehenden Gefahren. Dabei hatte es im Juli bereits eine erste Welle von Erkrankungen mit etwa 1.400 Schweinegrippe-Kranken in der Schweiz gegeben. „Die Grippe kommt so sicher wie das Amen in der Kirche“, wird Koch im Südkurier zitiert.

Jüngsten Berechnungen des Bundesamtes für Gesundheit zufolge, wird die Schweinegrippe 15% bis 35% der schweizerischen Bevölkerung treffen. Gerechnet wird mit bis zu 2.000 Fällen, bei denen ein Krankenhausaufenthalt notwendig wird. Die Anzahl der aufgrund der Schweinegrippe notwendig werdenden Arztbesuche soll bei einer Zahl zwischen 300.000 und 500.000 liegen. Die schweizerische Impfaktion gegen die Schweinegrippe beginnt am 16. November. Swissmedic, das Schweizer Heilmittel-Institut, hat neben dem Impfstoff Pandemrix einen weiteren Impfstoff freigegeben, der speziell für Kinder und Schwangere dienen soll und ohne Wirkstoffverstärker auskommt.

Stadt Zürich — drei Schulen mit Verdacht auf Schweinegrippe

Drei Schulen der Stadt Zürich haben bisher Schweinegrippe-Fälle gemeldet. Das teilte der Direktor der Stadtzürcher Schulgesundheitsdienste, Daniel Frey, am gestrigen Tag der nationalen schweizerischen Nachrichtenagentur SDA mit. Insgesamt gab es dreissig Verdachtsfälle und sechs Fälle, in denen der H1N1-Virus der Schweinegrippe nachgewiesen wurde. Besonders schwer getroffen hat es anscheinend das Schulhaus Looren (Zürich-Witikon). Hier sollen eine zweite Primarschulklasse und ein Kindergarten geschlossen worden sein. Von insgesamt 20 gemutmassten Infektionen wurden jeweils zwei in jeder der beiden Gruppen bestätigt. Felix Dinkelmann vom Schulärztlichen Dienst des Kantons Zürich berichtete der Zeitung Blick von bis zu vierzig Kindern aus vier Klassen, die wegen des Verdachts auf Schweinegrippe nach Hause geschickt wurden. Wie viele Verdachtsmomente sich schliesslich als tatsächliche Schweinegrippe-Fälle herausgestellt hatten, vermochte er nicht zu sagen. Flächendeckende Schulschliessungen seien bisher allerdings nicht im Kanton vorgesehen. Erst im Juni 2009 war der erste Fall von Schweinegrippe im Kanton Zürich bekannt geworden. Betroffen war eine Frau, bei der der Virus nach einem USA-Aufenthalt nachgewiesen werden konnte. Damals gab es nach Informationen der Zeitung Blick insgesamt elf Fälle von Schweinegrippe in der Schweiz.

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